RSS Feed

BESSIE SMITH IN SEVILLA

Couple d’amant nannte Egon Schiele einen Zyklus seiner Bilder. Er portraitierte Paare in inniger Intimität vereint. Genauso verschlungen präsentieren sich die Straßen eines alten Viertels in Sevilla. Manche dieser Gassen sind so schmal, dass selbst die hoch stehende Spätsommersonne kaum einen Fuß auf das Pflaster bekommt.

Es ist um die Mittagszeit, als ich durch die engen Häuserschluchten schlendere. Mich wundert, wie abweisend die Häuser wirken, nur weil die meisten Türen, Fenster und Läden in den unteren Bereichen verschlossen sind. Und trotz des Alters der meisten Gebäude hinterlassen sie einen gepflegten Eindruck. In der Luft liegt ein Hauch von Sauberkeit, der an die Anwesenheit von Menschen erinnert. Und den wenigen, denen man begegnet, muss man eine Offenheit und Freundlichkeit bescheinigen, die die Verschlossenheit der Wohngebäude verschmerzen lässt. In diesem Labyrinth lässt sich’s auf alle Fälle trefflich flanieren.

Eine dieser schmalen Straßen öffnet sich auf einmal und vor mir liegt ein sehr langer rechteckiger Platz.  Im Schatten  eines alten Baumes kreuzen sich die Wege zweier Hundebesitzer. Die junge Frau mag Ende zwanzig sein. Sie hat schwarze lange Haare und ist auffallend schlank. Ihre blasse Haut ist makellos. Sie trägt eine warme, taillierte Jacke mit Kragen. Die engen Hosen enden über den Knöcheln. Weiche Mokassins schmiegen sich an ihre Füße. In der linken Hand hält sie eine Filterzigarette. Ihr Hund ist schwarzweiß gefleckt. Sie führt ihn an der langen Leine wie ein Jo-Jo.

Der männliche Hundebesitzer hat ebenfalls lange Haare. Er trägt ein verblasstes Muskelshirt, olivgrüne Baumwollhosen mit einer Reihe von applizierten Taschen und blaugestreifte Badelatschen. Um seinen linken Oberarm rankt sich eine Tätowierung. Das Haar des jungen Mannes hat die Farbe wie das Fell seines Schäferhundes. In der Hand hält er eine kurze Hundeleine aus Leder. Sein Tier bewegt sich frei. Die Hundebesitzer schauen sich wortlos an. Die Tiere beschnüffeln sich. Schließlich trotten sie gemeinsam zu einer metallenen Plastik, die den Platz schmückt.  Die beiden Hunde pissen abwechselnd auf die Kunst, die so unprätentiös mitten auf dem Platz liegt. Die beiden Hundebesitzer schauen schweigend und unaufgeregt zu.

An den Rändern der freien Fläche herrscht reges Leben und Geschäftigkeit. Häuser werden renoviert, verputzt und gestrichen, manchmal total entkernt. Davor werden Pflastersteine verlegt. Plastikstühle werden vor Cafés hin und her geschoben. Hier und da sitzen junge Leute zusammen. Ein alter Mann mit Stock beobachtet zwei Maler, die auf einem einfachen Podest stehen und eine Hauswand streichen. Etwas weiter am Rande des Platzes sitzt ein Mädchen auf dem gepflasterten Boden. Es hat blonde kurze Haare und ist sicherlich nicht älter als zwanzig Jahre. Hellblaue Jeans, ein weißes T-Shirt und ausgefranste Stoffschuhe lassen es unscheinbar wirken. Die junge Frau klammert sich an ihre akustische Gitarre, als biete sie Schutz.  Sie spielt und singt leidenschaftlich. Zu stören scheint es niemanden, aber auch nicht zu erfreuen. Vor sich hat sie ein gesticktes Tüchlein platziert. Die beiden Münzen, die darauf liegen, wirken verloren. Mit klarer, frischer Stimme singt sie einen Blues von Bessie Smith. Aus ihrem Munde klingt er so rein und ungekünstelt wie ein Kinderlied.

When my bed gets empty, makes me feel awful mean and blue
My springs are getting rusty, sleeping single like I do

Unweit des Mädchens liegt ein angerosteter Metallblock auf dem Boden verankert. Er gehört offensichtlich zu der Reihe der Plastiken, die den Platz attraktiver gestalten sollen.
Jemand hat blaue Farbe auf das Metall aufgebracht. Wollte hier ein Maler seinen Pinsel ausstreichen? Oder ist es der Ansatz für ein Graffito? Vielleicht aber ist dortzulande die Rostschutzfarbe nicht rot. Ich bin nicht dahinter gekommen, welchen Sinn oder welche Bedeutung dieser Farbe zukommt. Offen gestanden, hat es mich nicht wirklich interessiert. Faszinierend fand ich das Blau und den Blues.