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RUTA DOCE

„Uruguay hat drei Millionen Einwohner. Davon ist eine Million arm. Das ist schlecht! Das darf nicht sein!“
Der Mann, der das sagt, sieht aus wie eine Putte. Er ist etwa vierzig Jahre alt und seine Haut glänzt rosig. Sein Haupthaar ist schwarz und erinnert an eine Mönchsfrisur. Der Mann pökelt ein Spanferkel. Un lechon! Das Schweinchen ist säuberlich am Bauch aufgetrennt. Abschätzend blickt er auf die aufgeklappten Schweinehälften.
„Das hat 16 Kilogramm!“ Er stellt es sachlich fest, obwohl seine Augen voller Stolz aufleuchten. „16 Kilogramm! Nicht schlecht! Für so eine Leckerei!“  Er lacht. Fältchen kräuseln sich um seine Augen. Großzügig streut er Salz auf das Fleisch. Auch von einer Kräutertinktur streicht er reichlich auf die Rippen. Das Aroma von Oregano füllt die Ecke, in der die Anrichte aufgebaut ist. Seine Bewegungen sind langsam und bedächtig. Der rote, mit einer Schnur mannshoch gespannte Vorhang deutet nur eine Abtrennung zum Schankraum an. Das Restaurant heißt Bertocci.

Der Kneipier spricht ein paar Brocken englisch. Er fragt, ob ich US-Amerikaner sei. Als ich das verneine und ihm sage, dass ich aus Alemania komme, kehrt er zu seinem uruguayisch zurück. Während er sein Schweinchen weiter grün streicht, sagt er, München, Berlin, Frankforto? Er kennt Städte in Deutschland. Die Lässigkeit mit der er mir die Namen aufsagt, gibt ihm etwas weltmännisches, obwohl alles um ihm herum, etwas anderes aussagt.

Wir befinden uns in MINAS, einem Provinzstädtchen im Inneren des Landes, direkt an der RUTA DOCE gelegen.  Ein uruguayischer Spielfilm bringt mich auf die Idee, MINAS zu besuchen.
EL VIAJE HACIA EL MAR („Die Reise ans Meer“) ist ein Roadmovie. Eine handvoll Menschen aus den Hügeln bei Minas reisen mit einem hinfälligen Truck auf der RUTA DOCE  ans Meer. Sie wollen zum ersten Mal in ihrem Leben den Atlantik sehen. Obwohl es kaum 100 Kilometer sind, wird es ein zeitaufwendiger Ausflug.

Beim Betrachten dieses Films drängen sich mir noch andere Bilder auf. Es sind Bilder von kleinen Fotos, die zu meinen ersten Besitztümern zählen. Eine Flusslandschaft, geheimnisvoll und düster, weckt meine Fantasie. Damals erobert das Leben am Rio de la Plata meine Gedanken. Diese kleinen, bunten Bildchen haben mich auf meinen erträumten Entdeckungsreisen begleitet.
Um diese Bilder sein eigen nennen zu dürfen, hat man die blauen Bonuszettel in Zigarettenschachteln sammeln müssen. (Eine Marke ist BALI gewesen.) Bei entsprechendem Fleiß hat man schließlich Bilder erhalten.
Der Rhein, der Rio meiner Kindheit,  ist dagegen eher langweilig gewesen. Er liegt auch vor der Haustür.  (…)

Der Raum ist sehr voluminös und allein die Deckenhöhe beträgt gefühlte acht Meter. Die riesige, schwarze Tafel, die hoch oben an der Wand angebracht ist, ist schon lange nicht mehr mit Kreide beschrieben worden. Der aufgedruckte Schriftzug BILZ SINALCO ist verblasst. Dort oben konnte man in den erfolgreicheren Bertocchi Jahren die genauen Ankunfts- und Abfahrtszeiten der landesweiten Busverbindungen entnehmen. Die modernen Reisebusse verbinden immer noch alle wichtigen Städte und Regionen miteinander. Doch diese Kneipe als Knotenpunkt der Reisenden hat ausgedient. Von hier aus starten höchstens noch klapprige Karren auf der Reise ans Meer.

Der Seniorchef erzählt, dass in einem deutschen Buch drei Fotos von MINAS seien. Eines davon zeige sein Restaurant. Er sagt es voller Stolz und sein Blick verrät  die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten.
Ich trinke einen einheimischen Whisky mit reichlich Eis.

Das Beschriften der Tafel konnte nur mit einer großen Leiter möglich sein. Die scheint es nicht mehr zu geben. Vielleicht ist das auch der Grund, dass man die Wände und Decke schon lang nicht mehr gestrichen hat. Dafür gibt es jede Menge Accessoires aus der Vergangenheit zu bestaunen. So habe ich mir immer ein Paradies für Trödler vorgestellt.

Vater Bertocchi schenkt mir nach. Sohn Bertocchi legt währenddessen zwei Wahlbroschüren auf die Theke. „Schau‘ Dir das an!“ Er tippt dabei mit dem Finger auf das Hochglanzpapier. „Alles Rechte! Hochglanzpapier und rechts!“ Er sagt es verächtlich. Dann holt er eine wetterfeste Flagge hervor. „Wählt Pepe!“ steht darauf. „Für soziale Gerechtigkeit, für Bildung und Gleichheit!“
Die Forderungen kommen mir vertraut vor.

„Ich wähle links!“ Der Junior sagt es mit der gleichen Hingabe, mit der er sich auch seinem Ferkel gewidmet hat. Der Vater interessiert sich nicht für Politik. Er hat sich mittlerweile ans Ende der Theke begeben. Und dieses Ende befindet sich ausser Rufweite.
„Die Armut muss ein Ende haben! Pepe! Venceremos Pepe!“ Mein neuer Freund lacht. „Keine Angst, amigo! Pepe ist nicht Chavez! Er ist kein Kommunist! Er ist Demokrat!“
„Pepe ist Sozialdemokrat?“
„Si! Si! Pepe ist unser Mann! Es gibt nur Rechte und Pepe! Ich bin Demokrat! Wir wollen Demokratie und Sozialismus wie in Alemania!“ Der Wirt sagt es mit strahlenden Augen.

Stunden zuvor bin ich auf verschiedenen politischen Versammlungen gewesen.
„Companeros y Companeras!“ Auf dem zentralen Platz haben sich die Anhänger der FRENTE AMPLIO versammelt. (Dort spielen auch die Anfangsszenen des Films.) Ein Meer von roten und blau-weißen uruguayischen Fahnen werden vor einer provisorischen Bühne geschwenkt. Die Kandidaten des Linksbündnisses feuern ihre Zuhörer an. Die Zuhörer lassen sich mitreissen. Die Stimmung ist gut. Es ist Donnerstag und Sonntag ist Wahl. In Uruguay herrscht Ausnahmezustand. Die Strasse gilt es zu erobern. Dort findet der Wahlkampf statt. Er ist vergleichsweise heftig und laut.  Ich bin fest überzeugt, dass die aufgeputschte Menge zum Abschluss DIE INTERNATIONALE singen wird. Doch darauf warte ich an diesem Abend vergeblich. Stattdessen singen die Menschen ihre Hymne: „VAMOS PEPE!“

Ein paar Strassenzüge weiter agitiert eine andere Partei ihre potentiellen Wähler. Eine Band spielt Latino-Rhythmen. Ihre Frontfrau hat eine aussergewöhnlich gute Stimme.
LA ONCE ESTA UNA LISTA…, schallt es zwischen den Liedern aus den übergroßen Boxen. Die Stimmung ist ausgelassen. Die Leute tanzen. Es sind nicht viele. MINAS hat sich politisch offensichtlich schon positioniert.

Ich sage dem Wirt, dass ich nicht nur Gutes von Pepe gehört habe. Er winkt ab. Das seien Verleumdungen der Rechten. Ich hake nach: „Er soll Banken überfallen haben!“

„Er war Tupamaro!“ Er sagt es in einem Tonfall, als ob das alles entschuldige.
„Tupamaro?“
„Vor langer Zeit. Er war jung! Wir alle sind einmal jung gewesen!“
Bertocchi junior seufzt. Dabei hat er überhaupt keinen Grund dazu. Seine freundliche,  offen Art mit seinen Gästen umzugehen, lassen ihn erheblich jünger erscheinen, als er wahrscheinlich ist.

Ausserdem sei Pepe zu alt und habe schlechte Manieren, werfen ihm seine Kritiker vor.
Der Kneipier schüttelt den Kopf. „Typisch Rechte!“ Er lächelt selbstbewusst. „Mit Pepe hat die Armut ein Ende!“ Mein neuer Freund sagt es ohne Ironie in der Stimme. Ich will diese Freundschaft nicht gefährden und verkneife mir die Frage, ob er denke, Pepe würde wieder Banken ausräumen.

Die Klimaanlage rattert wie ein startender Jet.

(…)