WARREN OATES AM RIFF
Das Boot tuckert gemächlich durch die grünblaue See. Sanft klingt RIVERS OF BABYLON aus dem Transistorradio. Es ist die Version von den Melodians, bekannt aus dem Film THEY HARDER THEY COME.

Eine Reihe illustrer, internationaler Gäste genießt das laue Lüftchen, das die Hitze nur unerheblich mildert. Ich sitze auf einer Holzbank und versuche den Schatten des Segels zu nutzen. Dieses Leinensegel bedeckt einen großen Teil des Ausflug-Bootes. Im Bug hat sich ein amerikanischer Tourist niedergelassen. Er gehört zu einer Gruppe Enddreißiger, es handelt sich genau genommen um zwei Paare, die sich sehr selbstbewusst auf dem Kahn bewegen. Ihm scheint die Sonne nichts auszumachen. Kühn reckt er seinen nackten, sonnengebräunten Oberkörper dem Fahrtwind entgegen. Seinen kahlen Schädel bedeckt ein Tuch in der Art geknüpft, wie man es aus den einschlägigen Genrefilmen Hollywoods kennt. Das Halstuch ist blau gemustert und erinnert an die Tabaktücher, die in den 60er und 70er Jahren modern gewesen sind.
Die meisten Passagiere bleiben ruhig sitzen. Zuviel Bewegung ist angesichts der Hitze auch nicht ratsam. Ausserdem gerät das Touristenboot bei plötzlichen Gewichtsverlagerungen ins Wanken. Und seefest scheinen mir die wenigsten an Bord zu sein.
Der Pirat möchte mit seiner Gefährtin und dem befreundeten Paar fotografiert werden. Offenbar traut er mir das zu. Natürlich schlage ich ihm diese Bitte nicht ab, weise ihn aber darauf hin, dass Arbeit an Bord mindestens mit einem Bier belohnt werden müsse. Der Pirat lacht und gibt mir recht, bedauert, nichts ausser seiner Kamera dabei zu haben. Ich mache das Foto trotzdem.
Am Heck steht der einheimische Steuermann. Caye Caulker und die karibische See sind seine Heimat. Der etwa dreißigjährige Mann wirkt wie ein offizieller Fremdenführer. Diesen Eindruck schmälert auch sein nackter Oberkörper nicht. Es ist die lässige Selbstverständlichkeit, wie er das Boot manövriert und gleichzeitig seine Gäste über das zweitgrößte Riff der Welt informiert, die ihm eine natürliche Autorität verleiht.
Mir gegenüber sitzt ein Mann, der nicht besonders glücklich aussieht. Er sitzt steif auf seinem Sitz wie an einem Restauranttisch. Vielleicht hat ihn meine Fotoaktion geängstigt. Trotz bedächtiger Bewegungen brachte die Suche nach der besten Perspektive das Boot beträchtlich zum Schaukeln. Der Mann schenkt mir ein ernstes Lächeln. Ich betrachte ihn. Er sieht aus wie Warren Oates. Die gelockten, dunklen Haare, die die Geheimratsecken kaum kaschieren können, die Zähne, der Mund, die Stirnfalten, die Ähnlichkeit verblüfft mich. Auch die drahtige Figur passt dazu. Der amerikanische Filmschauspieler, der vor allem in Sam-Peckinpah-Filmen wie BRING MIR DEN KOPF VON ALFREDO GARCIA, WILD BUNCH – SIE KANNTEN KEIN GESETZ und SACRAMENTO als Charakterdarsteller auf sich aufmerksam macht, fährt ans Riff?
Ich frage meinen Gegenüber, ob er Warren heiße. Er bedauert. Sein Name sei Joe und er sei US-Bürger aus Austin/Texas. Er arbeite in der Erdölbranche. Ursprünglich stamme er jedoch aus Mexiko, sei aber schon als Kind zusammen mit seiner heutigen Frau in die USA gekommen.
Er scheint froh zu sein, durch die Plauderei abgelenkt zu werden. An seiner Seite sitzt eine dunkelhaarige Frau. Sie ist Mitte vierzig. Die leicht gelockten Haare trägt sie halblang. Sie ist eine schöne Frau mit ebenmäßigem Gesicht. Ich frage sie, ob ihr die Bootsfahrt gefällt. Sie antwortet mit einem Lächeln. Warren beugt sich zu ihr, flüstert ihr etwas ins Ohr. Dann sagt sie: Ja! Es dauert eine Weile, bis ich kapiere, dass sie kein englisch spricht. Wie selbstverständlich geht man davon aus, dass US-Amerikaner englisch sprechen. Dabei habe ich Wochen vorher in einer Zeitung gelesen, dass 76% der Menschen, die in der Gegend von Miami/Florida leben, spanisch sprechend seien. Und habe von der Klage Jobsuchender gelesen, die mittlerweile den Staat verlassen, weil sie ohne spanische Sprachkenntnisse keine Chance in bestimmten Branchen mehr haben. Wollte Präsident Bush nicht spanisch als offizielle Sprache in Texas zulassen?
Ein paar Jahre zuvor habe ich ebenfalls in der Karibik ein ähnliches Erlebnis gehabt. In einem Restaurant auf Kuba sitze ich an einer Theke neben zwei Mittvierzigerinnen aus Kanada. Beide sprechen kein Wort englisch. Sie kommen aus Quebec und unterhalten sich in einem eigentümlichen französisch. Auch bei Kanadiern geht man ohne groß nachzudenken, davon aus, dass sie englisch können. Daniel, ein junger Kanadier, den ich bei einer Dschungeltour kennenlerne, erzählt mir in perfektem Englisch, dass er dieses Sprache genauso wie ich gelernt habe, nämlich in der Schule. Er lebt mit seiner Familie in Montreal.
Die beiden Kanadierinnen erzählen mir zwischen zwei Fischgängen, dass sie Paris besucht haben. Merkwürdig sei das Französisch gewesen, dass man in Frankreich spricht. Ich schaue genau hin, aber ich entdecke kein ironisches Funkeln in ihren Augen.
Der Gehilfe des Steuermannes serviert exotische Früchte. Zwischen zwei Bananenbissen frage ich Warren, ob das seine erste Tauchfahrt sei. Er nickt. Ich erzähle ihm, dass ich drei Tage zuvor bereits eine Tour ans Riff unternommen hätte.
“War’s schön?” will er wissen.
Ich erzähle ihm von der farbenprächtigen Unterwasserkulisse. Ich kann meine Begeisterung kaum zurückhalten.
Ob ich auch Fische gesehen hätte? Seine Neugierde ist auf einmal geweckt. Ich sage, dass es in diesem badewannenwarmen Salzwasser selbstverständlich jede Menge Lebewesen gebe. Ich berichte von dem Stachelrochen, dem ich begegnet bin. Dass ich ein Stück auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte bäuchlings gesurft bin. Und ich vergesse nicht zu erwähnen, versehentlich eine Muräne aufgescheucht zu haben.
“Aber am meisten haben mich die Haie fasziniert”, begeistere ich mich zuletzt.
Warren starrt mich an. “Haie!?” Das klingt mehr als interessiert.
“Ja! Haie.” Ich berichte von einer ganzen Hai-Familie, zwischen denen wir uns bewegt hätten.
Warren schaut mich ungläubig an. “Sie meinen wirklich Haie? Diese Fische mit diesen spitzen und scharfen Zähnen.”
Ich lache. Und wiederhole. “Ja! Haie! Harmlose Haie! Sie werden es selbst erleben! Ausserdem haben meine Haie ziemlich kleine Zähne!“
“Harmlos!” In meinen Ohren klingt es leicht schrill. „Sie meinen, wir werden das auch erleben?“
“Es handelt sich um Ammen-Haie. Die sind wirklich harmlos”, beruhige ich ihn, ” zudem selten länger als ein Meter und fünfzig Zentimeter. Die sind so zutraulich, die lassen sich genüsslich am weißen Bauch kraulen.”
Bei dem Wort weiß, glaube ich, bei meinem Zuhörer ein kurzes Zucken zu erkennen. Warren, der von Natur aus einen gesunden Teint aufweist, steht nun eine gewisse Blässe im Gesicht.
Er sagt : “Am Bauch kraulen!? Jetzt nehmen Sie mich aber auf den Arm.” Echt wirkt sein Lachen nicht. Und dann fügt er sehr ernst an: “Ein Killer ist ein Killer!”
Er wendet sich nun seiner Frau zu. Was er ihr zuraunt, kann ich nicht verstehen. Ihr Blick, der meinen trifft, ist nicht besonders freundlich.
Als wir endlich vor Anker gehen, gleite ich ins Wasser. Nur weg aus der Sonne. Das Meer bringt jedoch keine Abkühlung. Die Taucherbrille sitzt zu eng und ich muss die Halterung nachjustieren. Dann stecke ich den Schnorchel in den Mund und schwimme Richtung Riff. Fische kommen mir entgegen, beäugen mich, als wollen sie feststellen, wer da in ihr Revier eingedrungen ist. Es ist ein gegenseitiges Beglotzen. Besonders aufregend ist dieses Schnorcheln nicht. Diese Exkursion hätte ich mir sparen können. Mein erster Ausflug ans Riff ist beeindruckender gewesen. Ich sehe weder Rochen, Muränen noch Haie. Das Korallenriff hat hier auch nicht die bizarre Form und Farbgebung der anderen Stelle. Es ist unklug gewesen, den Veranstalter in der Hoffnung zu wechseln, die ersten Erlebnisse noch übertreffen zu können. Ich kehre zum Boot zurück.
Warren sitzt auf der Bootsleiter und lässt die Beine baumeln. Seine Frau plantscht davor im Wasser. Sie trägt Schwimmflügel.
Ich nicke ihm zu. Warren lässt mich an Bord. Ich trockne mich ab und verspeise den Rest einer Ananas.
Langsam trudeln die anderen Teilnehmer ein. Der Anker ist schnell gelichtet. Es geht zurück nach Caye Caulker.
Das Motto dieser Insel, die östlich vor Belize liegt, ist GO SLOW. Diese Stimmung herrscht jetzt auch auf dem Deck. Eine gewisse Schläfrigkeit hat sich breitgemacht. Selbst der Pirat räkelt sich jetzt gedankenverloren in einer Ecke.
Wieder an Land möchte ich ein Foto von einem Holzhaus machen. Die Aussenwände sind blau getüncht. Obwohl die Farbe stellenweise abblättert, strahlt sie in der karibischen Sonne. Es ist ein Blau im ursprünglichen Wortsinn. Warren und seine Frau begegnen mir. Ich stelle mich auf einen kurzen Plausch ein, will ihre Eindrücke vom Ausflug ans Riff erfahren, doch Warren und seine Frau aus Austin/Texas sind einfach grußlos an mir vorbeigegangen.
Ich habe das Foto geschossen. Danach bin ich in eine Kneipe eingekehrt. Im Schatten von Bananenstauden will ich den Tag ausklingen lassen. Plötzlich steht eine Flasche Bier vor mir, die ich nicht bestellt habe. Die Kellnerin ist schon enteilt, bevor ich sie fragen kann. Der Kronenkorken fehlt, stattdessen strebt ein kleiner Eiszapfen dem Himmel entgegen. Wassertropfen perlen am Flaschenhals entlang und der Bauch der Bierflasche ist von mattem, perlendem Tau beschlagen. Ich schaue mich um. An einem Tisch am anderen Ende des Innenhofs sitzt der Pirat mit seiner Crew, grinst und tippt sich zum Gruß mit dem Finger leicht an die Stirn. Ich bedanke mich und frage, ob er noch ein Foto wolle. Er lacht und meint, für heute sei’s genug. Ich denke, während ich mich der gegrillten Goldbrasse widme, der Tag hätte schlechter verlaufen können.
© 2007